Charakter und Wesen

Die Beschreibung des Thailand Ridgeback gestaltet sich recht schwierig, da es „den Thai“ meiner Meinung nach nicht gibt. Ein Thai ist ein Überraschungspaket. Man weiß in Vorfeld nicht, was man bekommt und in welche Richtung die Entwicklung geht.

Ich versuche trotzdem einmal meine Sicht und Erfahrungen in Worte zu fassen.

Der Thai ist ein Urhund. Er ist nicht so domestiziert und an das Leben mit uns Menschen angepasst wie die meisten anderen Rassen und verhält sich daher auch noch wesentlich ursprünglicher. Die Kommunikation ist viel feiner, vielfältiger und differenzierter als bei anderen Rassen. Dies führt häufiger auch zu Komplikationen und Missverständnissen, da sowohl viele Menschen als auch unsere domestizierten Hunde die fein nuancierte Körpersprache, die Mimik und die vielfältigen Lautäußerungen des Thais nicht oder nicht richtig verstehen.

Auf Grund der eigenständigen Lebensweise und Überlebensfähigkeit auch ohne den Menschen haben sie sich bis heute die dafür notwendigen Eigenschaften bewahrt. Vom Charakter sind Thais mutig, wachsam, selbständig, selbstbewusst, ausserordentlich intelligent und zudem wohnt ihnen eine Mischung aus Neugierde, Vorsicht und Sensibilität inne – alles Dinge, die benötigt werden um als Urhund in der Wildnis zu überleben.
Desweiteren sind sie überaus geschickt (viele kommen ruck zuck aus allen möglichen Geschirren), sie können sehr gut springen und… jagen scheint ihre größte Leidenschaft – sie jagen auf Sicht und sind dabei sehr schnell, sehr wendig und sehr trittsicher.
Sie sind ausgezeichnete Jäger mit starkem Jagdtrieb und übersehen seltenst einen Hasen oder ein Reh auf dem Spaziergang. Dieses Verhalten ist meiner Ansicht nach für einen Urhund auch nicht weiter ungewöhnlich, ist es doch zum Nahrungserwerb und zum Überleben notwendig. Bei vielen uns bekannten Hunderassen ist auf „nicht jagen“ selektiert, bzw. bei Jagdhundrassen auf ganz bestimmte und gewollte Eigenschaften. Alles das ist beim Thai noch nicht geschehen und er vereint in sich das komplette Repertoire an Können, das er auch zu nutzen weiß – somit ist er kein Jagdhund im uns geläufigen Sinne… er ist ein Jäger. Das kann zur Folge haben, dass man den Hund im Wald oder in den Wiesen nur eingeschränkt oder evtl. niemals ohne Leine laufen lassen kann.
Neue unbekannte Dinge werden meist sehr vorsichtig in Augenschein genommen. Langsam anschleichen, die Nase ganz lang vor und dennoch immer die Möglichkeit offen lassen umgehend den Rückzug antreten zu können.
Rückzugsmöglichkeit und offener Fluchtweg sind ganz wichtig für das Sicherheitsgefühl, denn dann ist das Entscheiden für einen „geordeneten Rückzug“ noch möglich.
Niemals sollte man einen Thai (und auch keinen anderen Hund) in eine Ecke drängen und ihm die Möglichkeit des Rückzugs nehmen, denn dann kann es durchaus passieren, dass der Hund in die einzige ihm verbleibende Richtung, nämlich nach vorne, geht.

Zu Menschen, die er kennt und die er mag ist der Thai freundlich; Fremden gegenüber erst einmal reserviert und sehr vorsichtig, unter Umständen auch sehr mißtrauisch. Man muß ihm Zeit geben von sich aus den Kontakt zu suchen – Überfallkommandos mag er nicht. Ausserdem durfte ich erfahren dass ein Thai wirklich extrem gut in der Lage ist sein Gegenüber, egal ob Mensch oder Tier, richtig einzuschätzen – ich profitiere mittlerweile sehr gerne davon.

Als Familienhund würde ich den Thai nicht bezeichnen. Kleine Kinder sind vielen Thais eher suspekt. Mit ihrer Lebhaftigkeit, Unberechenbarkeit und der damit oft verbundenen Lautstärke haben doch so einige Hunde ein Problem. Kinder verhalten sich oft zu unbedarft und der Urhund kann damit schlecht umgehen. Es ist sicherlich nicht so, dass Thais und kleine Kinder unmöglich zusammen harmonieren. Es bedarf aber doch der Einsicht der Erwachsenen um die Kinder im Auge zu behalten, sie anzuleiten mit diesen urtypischen Hunden umzugehen und frühzeitig einzuschreiten, wenn der Hund sich doch einmal bedrängt fühlt. Der Thai warnt im allgemeinen früh genug, wenn ihm etwas zu viel wird; es muss nur bemerkt und respektiert werden.

Mit Druck lässt sich ein Thai nicht erziehen; er zieht sich dann eher zurück. Daher muss man schon manchmal „um die Ecke“ denken um das gewünschte zu erreichen, sich immer wieder selbst in Frage stellen und eventuell neue Wege suchen – zumal ein Thai Ausbildungsfehler sehr viel weniger verzeiht als viele andere Rassen.
Ein Thai möchte einen Chef, der durch Ruhe und Zuverlässigkeit besticht und dem er vertrauen kann aber keinen der ihn drangsaliert und versucht zu zwingen.
Diesen „Chef-Status“ bekommt man übrigens nicht geschenkt, sondern den muss man sich erarbeiten – fair, kalkulierbar, konsequent und gerecht.

Ein Thai ist auch kein Gebrauchshund oder unbedingt der Star des Hundeplatzes. Er macht viele Dinge gerne mit; es ist mitunter allerdings langwieriger ans Ziel zu kommen. Wenn man es schafft den Thai für etwas zu begeistern, kann er mit Feuereifer dabei sein.
Er ist in der Lage rasend schnell zu lernen – wenn er etwas als interessant und lohnend empfindet. Andererseits merkt man direkt, wenn ihm etwas keinen Spaß macht oder er der Ansicht ist, das es sich (noch) nicht lohnt.
Wer einen Hund haben möchte, der im Sport der große Crack ist, und einfach dort hin zu bringen ist, der ist mit anderen Rassen sicher oftmals glücklicher. Wer es aber auf sich nimmt dies mit einem Thai zu versuchen wird ganz viel dabei lernen – und dass man auch einiges erreichen kann, das beweist mir Camaan immer wieder aufs Neue.

Auch Fährtenarbeit und Mantrailing ist etwas für seine gute Nase. Er arbeitet anfangs unter Umständen nicht so konzentriert, da er sich leichter ablenken lässt – schließlich muss ja das Umfeld beobachtet werden. Nach einiger Zeit der Gewöhnung und dem Erkennen des Spassfaktors klappt es aber meist erstaunlich gut.

Ein Thai lässt sich durchaus für Geduldsspiele begeistern, denn Dinge bei denen er seine ausgezeichnete Nase benutzen darf, oder Anforderungen bei denen er nachdenken muss kommen seiner Intelligenz sehr entgegen.

Wer allerdings viel ausprobiert und die Ziele danach steckt, was sich an Interessen und Stärken findet, auch noch glücklich ist, wenn es nicht für den großen Sport reicht sondern „nur“ für den Hausgebrauch, wer den Hund mit seinen Stärken und Schwächen annimmt und im Rahmen seiner Möglichkeiten fördert, wird sicherlich etwas finden woran beide Spaß haben und kann auch im Thai den Hund seiner Träume finden.

In der Wohnung ist der Thai ein recht ruhiger und sehr angenehmer Hund – ich bemerke meine beiden oft gar nicht. Wenn es allerdings nach draußen geht, drehen sie schon mal richtig auf – sie rennen und toben in einer Geschwindigkeit, die einer Rennbahn würdig ist.

Ein Thailand Ridgeback ist ein faszinierender Hund. Mit all seinen Facetten und Charakterzügen ist es eine Rasse, die mich immer wieder überrascht.

Und was ich feststellen konnte… wenn etwas schief läuft liegt es in den wenigsten Fällen am Hund. Es sind meine Fehler, die ich ungefiltert vorgesetzt bekomme – ich muss es nur sehen wollen.

Meine Thais lehren mich Dinge wie Ruhe, Geduld, Konsequenz, Beharrlichkeit und diverse andere Dinge. Mit Ungeduld und Härte würde ich zumindest bei meinen Hunden nicht weiter kommen.

Ich habe eine Herausforderung und Aufgabe gesucht und ich habe sie bekommen. Es macht mir sehr viel Freude mit einem Thai zu arbeiten und mich auch an kleinen Fortschritten zu erfreuen.

Obwohl manchmal Spagate gemacht werden müssen, zwischen Notwendigkeiten und der empfindsamen Thaiseele ist der Thai ist für mich persönlich ein Traum.